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19.03.2008 17:48
"Bezahlen werden alle, auch in Europa"
Ex-Finanzminister Lacina sieht keine Weltwirt schaftskrise dräuen, aber eine Abflachung der Konjunktur, die Schuld für die Krise gibt er den Banken und den Aufsichtsbehörden - Foto
STANDARD: Die Finanzkrise spitzt sich zu. Wie gefährlich sind ihre Folgen – schlittern die USA in eine Rezession?
Lacina: Sie sind schon knapp dran. Die Krise wird starke Auswirkungen auf den amerikanischen Konsum haben, der ist aber die Stütze der Konjunktur, und daher werden die Auswirkungen auf die Realwirtschaft, die lange unterschätzt wurden, groß sein. In jeder US-Rezession steigt die Sparquote; ein Teil der Schecks, die im Rahmen des Konjunkturpakets verteilt werden, geht nicht in den Konsum, sondern in den Abbau von Schulden. Ohne Einsatz öffentlicher Mittel wird es nicht gehen.
STANDARD: Wie stark wirkt sich die Krise auf die Weltwirtschaft aus?
Lacina: Das Problem ist, dass ja die Dollarschwäche dazukommt, und die wird sich sicher auf die europäische Konjunktur auswirken. Die Gefahr der Stagflation, also Inflation plus Stagnation, ist schon zu sehen. Ich glaube nicht, dass das zu einer Weltwirtschaftskrise führt, wohl aber zu einer Abflachung des internationalen Wachstums. Man muss den Glauben aufgeben, dass der Markt alles regelt, staatliche Eingriffe sind notwendig. Schauen Sie Northern Rock an: Die Bank musste verstaatlicht werden – wer hätte das vor zwei Jahren in Großbritannien für möglich gehalten? Herr Ackermann von der Deutschen Bank sicher nicht; er, der jetzt nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes glaubt.
STANDARD: Die Notenbanken überlegen konzertierte Stützungsaktionen für den Dollar. Klug?
Lacina: Das sind nur Symptomkuren. Kurzfristig entlastet das, aber auf mittlere Frist ist das nicht durchzuhalten. Der Dollar als Leitwährung hat ein Problem: Die Attraktivität seiner Verzinsung und seine Glaubwürdigkeit durch die Stärke der US-Wirtschaft sind weggefallen. Wobei die Alternative nicht abzusehen ist.
STANDARD:: Der Euro ist keine?
Lacina: Noch viele Jahrzehnte nicht. Weil ein Gutteil der Rohstoffe in Dollar bezahlt wird und die USA natürlich trotzdem weiterhin ein großer Markt sind.
STANDARD: Welche Rolle spielt der erstarkende Euro in der Krise?
Lacina: Er stabilisiert und bremst die Folgen ab. Nehmen Sie Italien: Regierungskrise plus Wachstumsschwäche plus Auswirkungen der Finanzkrise: Hätten wir nicht den Euro, hätten wir schon eine beachtliche Lira-Abwertung erlebt, mit Auswirkungen auf die Realwirtschaft, etwa die österreichische Papierindustrie.
STANDARD: Die US-Notenbank Fed hat die Zinsen erneut stark gesenkt. Wie lange funktioniert das noch?
Lacina: Auch das ist eine Symptomkur. Denn das verkleinert das ungeheure Misstrauen der Banken untereinander nicht, weil keine weiß, was die andere noch im Bauch hat. Das Schwierige ist, dass keiner derzeit weiß, wie weit die Abwertungen gehen sollen – wir kommen ans Ende der Bilanzierungsphilosophie. Wir erleben gerade, dass man für bestimmte Produkte über längere Zeit überhaupt keinen Markt hat, das heißt: Risiko unendlich, aber mit dem kann kein Mensch rechnen oder arbeiten. Es wird interessant, wie die Wirtschaftsprüfer bei ihren Audits reagieren: Sind sie zu vorsichtig oder zu nachsichtig, weil sie die eine oder andere Bank nicht in Schwierigkeiten bringen wollen.
STANDARD: Fed-Chef Bernanke hat die Banken aufgerufen, auf Forderungen zu verzichten. Macht das Sinn?
Lacina: Ich halte seinen Aufruf für richtig, aber an wen richtet sich der? Bei den strukturierten Produkten sind Gläubiger und Schuldner so weit entfernt, dass der Gläubiger gar nicht verzichten kann. Soll die SachsenLB auf etwas verzichten, was in Wyoming geschuldet wird?
STANDARD: Wirkt da der Fluch der komplizierten Produkte?
Lacina: Auch, vor allem aber das Versagen der internationalen Finanzmarktaufsicht. Sie hat übersehen, dass neue Instrumente entstanden, die unbeaufsichtigt sind. Was hat man nicht für Anstrengungen für Basel II unternommen – dabei ist das Problem nicht bei den vielen kleinen und mittleren, brustschwachen Unternehmen entstanden, sondern bei den ganz Großen.
STANDARD: Die Aufsicht ist schuld?
Lacina: Ja, und die Akteure, die Investmentbanken, die Banken, die einen Gutteil der Gewinne schon lukriert haben. Die Verluste werden jetzt sozialisiert, aber das ist bei jeder Finanzkrise so.
STANDARD: Bezahlen werden alle?
Lacina: Ja, bezahlen werden alle, Steuerzahler, Kreditnehmer, Sparer, auch in Europa. Entweder über direkte Übernahme von Verlusten durch den Steuerzahler, wie das Ackermann vorschlägt und/oder über steigende Arbeitslosigkeit, die der Abflachung der Wirtschaft folgen wird.
STANDARD: Ist der Spuk bald vorbei?
Lacina: Nein, das wird dauern. Man muss Zinsen senken, massiv Nachfrage schaffen, um eine allzu tiefe Rezession und Stagflation zu verhindern. Es reicht aber nicht, den privaten Konsum anzukurbeln, es ist Zeit für starke öffentliche Investitionen.
STANDARD: Man kann ja angeblich aus jeder Krise lernen. Was aus dieser?
Lacina: Ich lerne daraus, dass der Neoliberalismus tot ist, für länger. (Renate Graber, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 20.3.2008)
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